Teil 3 : Das Gespäch mit dem alten MacLeod


 

Unser Ziel war Dunvegan Castle, dessen alte Mauern sich über dem Wasser erhoben. Der Wind kam vom Meer, Nebel lag über der Landschaft.

Als ich das Castle betrat, hatte ich für einen flüchtigen Augenblick das irritierende Gefühl, diesen Ort nicht zum ersten Mal zu betreten.

Das war unmöglich.

Ich kannte weder das Haus noch die Menschen. Und doch schien mir der Geruch nach Holzrauch, altem Leder und feuchter Wolle vertraut.

Es war keine konkrete Erinnerung.

Eher ein leises inneres Wiedererkennen, für das mein Verstand keine Erklärung fand.

Im Inneren empfingen uns warme Räume, dunkle Holzvertäfelungen und das beständige Knistern eines Kaminfeuers. Zwischen den Fenstern hingen alte Porträts. Zeichen und Farben des Clans waren überall gegenwärtig.

Das Haus trug seine Geschichte ganz selbstverständlich.

Nach der allgemeinen Begrüßung trat ein Bediensteter zu mir.

„Der Herr möchte Sie sprechen.“

Ich war überrascht.

„Mich?“

„Ja. Bitte folgen Sie mir.“

Wir gingen durch einen schmalen Flur in einen kleineren Salon.

Dort wartete ein älterer Herr mit markantem weißem Haar. Er saß nahe am Kamin, erhob sich bei meinem Eintritt und musterte mich lange.

Sein Blick war weder unhöflich noch neugierig.

Es wirkte vielmehr, als versuche er, hinter meinem Gesicht etwas wiederzufinden, das er schon lange kannte.

„Sie sind also die Chemikerin“, sagte er.

Es war keine Frage.

Ich bestätigte, dass mein Fachgebiet die medizinische Chemie sei.

Daraufhin wollte er erstaunlich genau wissen, worin meine Arbeit bestand. Ich erzählte von der Suche nach neuen Wirkstoffen, von Molekülen, die an bestimmte biologische Strukturen binden sollen, und von der Geduld, die Forschung verlangt.

Ein Ergebnis lässt sich nicht herbeizwingen. Man muss beobachten, Zweifel aushalten und bereit sein, eine vertraute Annahme aufzugeben, wenn die Tatsachen gegen sie sprechen.

Er hörte aufmerksam zu.

Dann fragte er:

„Ist eine Chemikerin, die nach Heilmitteln sucht, nicht auch eine Erbin der alten Heilerinnen?“

Die Frage überraschte mich.

Ich erklärte ihm den Unterschied zwischen moderner Wissenschaft und überliefertem Heilwissen. Wir arbeiten mit überprüfbaren Methoden, mit Messwerten, Kontrollen und reproduzierbaren Ergebnissen.

Er widersprach mir nicht.

Ein kaum wahrnehmbares Lächeln erschien in seinem Gesicht.

„Die Werkzeuge ändern sich. Die Verantwortung bleibt.“

Dieser Satz traf mich unerwartet.

In der medizinischen Chemie geht es nie nur um eine elegante Formel. Hinter jeder Substanz steht die Möglichkeit, einem kranken Menschen zu helfen. Oder ihm zu schaden, wenn man nicht sorgfältig genug arbeitet.

Ich erzählte ihm, dass gerade diese Verantwortung mich an meinem Beruf festhielt.

Wissen allein genügt nicht.

Entscheidend ist, wofür man es einsetzt.

Danach veränderte sich unser Gespräch.

Seine Fragen wurden persönlicher.

Wie entscheide ich mich, wenn Pflicht und Bequemlichkeit in verschiedene Richtungen weisen?

Was bedeutet Loyalität für mich?

Kann ich schweigen, wenn Vertrauen es verlangt?

Würde ich widersprechen, wenn mein Gewissen es fordert?

Manche seiner Fragen schienen mit meiner Arbeit kaum noch etwas zu tun zu haben.

Trotzdem spürte ich zwischen ihnen einen Zusammenhang.

Während ich antwortete, wanderte sein Blick immer wieder zu einem Gemälde an der Wand.

Schließlich folgte ich seinen Augen.

Darauf war eine junge Frau zu sehen.

Sie trug einen dunklen Umhang. In einer Hand hielt sie Kräuter. Hinter ihr verlor sich eine einsame Landschaft aus Heide, Wasser und Nebel.

Ihr Gesicht lag teilweise im Schatten.

Ich stand auf und trat näher.

Unter dem Gemälde stand ein Name:

AILEAS NAM MÒINTEACH

„Wer ist sie?“

Der alte MacLeod blieb am Kamin sitzen.

„Eine Heilerin.“

Ich betrachtete die Frau weiter.

„Eine Heilerin?“

„Aus dem Moor.“

Mehr sagte er zunächst nicht.

Das Feuer schlug plötzlich höher. Sein Licht spiegelte sich auf der Glasscheibe des Gemäldes.

Für einen Herzschlag glaubte ich, die Augen der Frau seien auf mich gerichtet.

Natürlich wusste ich, dass es nur eine Spiegelung sein konnte.

Trotzdem lief mir ein Schauder über die Arme.

Und da war wieder dieses Gefühl.

Dasselbe wie beim Betreten des Castles.

Vertrautheit.

Ich kannte diese Frau nicht.

Ich konnte sie nicht kennen.

Der alte MacLeod hatte meine Reaktion bemerkt.

„Manche Erinnerungen gehören nicht einem einzelnen Menschen“, sagte er leise. „Sie warten in Familien, Orten und Gegenständen, bis jemand sie wieder hört.“

Ich wandte mich zu ihm um.

„Was soll das bedeuten?“

Er antwortete nicht.

Stattdessen sah er mich wieder mit diesem merkwürdig prüfenden Blick an.

Mehr als zwei Stunden vergingen, ohne dass ich die Zeit bemerkte.

Als unser Gespräch schließlich endete, wusste ich kaum noch, ob ich befragt worden war oder ob dieser alte Mann mich dazu gebracht hatte, Dinge auszusprechen, die längst irgendwo in mir verborgen gewesen waren.

Auf dem Weg zur Tür sah ich noch einmal zurück.

Nicht zu ihm.

Zu der Heilerin aus dem Moor.

Aileas nam Mòinteach.

Und erst in diesem Augenblick begriff ich:

Das war keine höfliche Unterhaltung mit einem alten MacLeod gewesen.

Es war eine Prüfung.

Nicht meines Wissens.

Meiner Haltung.

Und hinter dieser Prüfung lag ein Geheimnis, das der alte MacLeod kannte.

Ein Geheimnis, das er mir noch nicht offenbaren wollte.n



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