Teil 1: Der Sherpa der Wissenschaft
Edinburgh – Eine Geschäftsreise mit unerwarteten Begegnungen
Jede Expedition braucht einen Sherpa.
Im Himalaya kennt er die verborgenen Pfade, liest die Zeichen des Wetters und weiß, wann ein Weg gefährlich wird. Er trägt Verantwortung, oft ohne im Mittelpunkt zu stehen. Seine eigentliche Stärke zeigt sich dort, wo andere sich auf ihn verlassen können.
Im Jahr 2020 führte mich meine Reise allerdings nicht ins Hochgebirge, sondern nach Edinburgh.
Ich bin Chemikerin. Wissenschaftliches Denken hatte mein Berufsleben geprägt: beobachten, prüfen, Zusammenhänge erkennen und einer Behauptung erst dann vertrauen, wenn sie sich begründen lässt.
Doch während dieser Tage in Edinburgh bestand meine wichtigste Aufgabe ausnahmsweise nicht in der Wissenschaft. Für unsere Unternehmensdelegation war ich der Sherpa.
An der altehrwürdigen Universität fand ein internationales Chemie-Symposium statt. Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern waren angereist, um über molekulare Strukturen, neue Syntheseverfahren und die Zukunft der chemischen Forschung zu diskutieren.
edinburgh_ausfuehrliches_kompendium.pdf
Während andere Vorträge hielten, Ergebnisse diskutierten und neue Kontakte knüpften, saß ich häufig vor meinem Laptop. Neben mir lagen Konferenzunterlagen, Fachliteratur und meine Notizen. Ich koordinierte Termine, kümmerte mich um organisatorische Fragen und hielt die Verbindung zwischen Delegation, Universität und Hotel aufrecht.
edinburgh_ausfuehrliches_kompendium.pdf
Es war anstrengend. Zugleich mochte ich diese Aufgabe.
Wenn am Ende eines langen Tages alles funktioniert hatte, obwohl zwischendurch manches beinahe aus dem Takt geraten war, brauchte niemand zu wissen, wie viele kleine Entscheidungen dafür notwendig gewesen waren. Genau darin lag der Sinn meiner Arbeit.
Und trotzdem war Edinburgh anders.
Vielleicht lag es an den alten Gebäuden. An den dunklen Fassaden, den engen Straßen und diesem eigentümlichen Licht, das selbst am Tage etwas Vergangenes über die Stadt zu legen schien.
Manchmal trat ich zwischen zwei Verpflichtungen vor die Tür und blieb für einen Augenblick stehen.
Die Luft war kühl.
Über den alten Mauern hing ein grauer Himmel, und irgendwo zwischen den Gebäuden verschwand eine schmale Gasse im Halbdunkel.
Natürlich machte ich mir darüber keine besonderen Gedanken.
Warum auch?
Ich war wegen eines Chemie-Symposiums hier.
Am nächsten Morgen warteten wieder Termine, Vorträge und Gespräche auf mich. Alles war geplant. Alles hatte seinen Platz.
Doch gegen Ende des Symposiums bemerkte ich etwas, das sich schwer beschreiben ließ.
Es war keine Erscheinung. Kein unerklärliches Geräusch. Nichts, worüber eine Naturwissenschaftlerin ernsthaft hätte nachdenken müssen.
Eher ein Gefühl.
Als würde diese Reise noch auf etwas warten.
Ich konnte damals nicht wissen, wie richtig dieses Gefühl war.
Denn als das Symposium zu Ende ging und wir eines Abends das Hauptgebäude verließen, trat ein junger Mann auf uns zu.
Um seinen Hals trug er einen auffallend edlen Schal.
Gelb und schwarz.
Das Tartan der MacLeods
Er lächelte.
Und dann sprach er uns an.
Fortsetzung: Die Einladung der MacLeods


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