Teil 4 : Das Zeichen der Heilerin
Als unser Gespräch beendet schien, erhob sich der Alte.
„Warten Sie hier.“
Dann verließ er den Salon.
Ich blieb allein am Kamin zurück. Für einen Moment hörte ich nur das leise Knistern des Feuers und das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims.
Mein Blick wanderte zu dem Bild der Heilerin aus dem Moor.
Es zog mich fast magisch an.
Ich trat näher.
Die Frau auf dem Gemälde trug einen langen dunklen Rock. Ihr Gesicht lag teilweise im Schatten. Doch diesmal war es nicht ihr Gesicht, das meine Aufmerksamkeit fesselte.
Vor ihrem Rock erkannte ich etwas.
Ein Symbol.
Grau und schattenhaft. So schwach, dass ich zunächst glaubte, es sei lediglich eine Verfärbung des alten Gemäldes.
Ich beugte mich näher heran.
Das Zeichen schien aus zwei einander gegenüberstehenden Monden zu bestehen. Zwischen ihnen lag ein einzelner Punkt.
Warum hatte ich es vorher nicht gesehen?
Fast ohne darüber nachzudenken, hob ich die Hand.
Meine Fingerspitzen berührten das Symbol.
Im selben Augenblick glühte es auf.
Feuer schien durch die alten Farben des Gemäldes zu laufen. Die beiden Monde leuchteten auf, und zwischen ihnen brannte der Punkt wie eine winzige Glut.
Ich wich erschrocken einen Schritt zurück.
Doch das Feuer verbrannte das Bild nicht.
Unter dem Zeichen erschien langsam eine Schrift.
Buchstabe für Buchstabe.
Dann hörte ich die leise Stimme einer Frau.
Sie kam nicht aus dem Raum. Ich konnte nicht sagen, woher sie kam. Und dennoch verstand ich jedes Wort.
„Zwei Monde stehen einander gegenüber.
Zwischen ihnen ruht, was keinen Namen trägt.
Der eine Mond bewahrt, was gewesen ist.
Der andere wartet auf das, was wiederkehrt.
Doch suche die Wiederkehr nicht im Gesicht,
nicht im Namen und nicht im Blut.
Was wahrhaft bewahrt wurde,
erkennt sich selbst.
Wenn die Zeit gekommen ist,
wird die Hand das Zeichen kennen,
bevor der Verstand sich erinnert.
Der Kreis schützt das Verborgene.
Die Monde hüten den Weg.
Der Punkt bleibt.“
Die Stimme verstummte.
Ich stand reglos vor dem Gemälde.
Dann, nach einer kurzen Pause, hörte ich sie noch einmal.
Leiser als zuvor.
„Wenn die Heilerin zurückkehrt, wird sie das Zeichen erkennen.“
Das Feuer erlosch.
Die Schrift verschwand.
Zurück blieb das graue, kaum sichtbare Symbol vor dem Rock der Heilerin.
Ich nahm langsam meine Hand zurück.
Hinter mir hörte ich Schritte.
Der Alte war zurückgekehrt.
In seinen Händen trug er einen sorgfältig gefalteten, schweren Umhang in den Farben des Clans. Er hielt ihn mit einer Behutsamkeit, die man gewöhnlich einem kostbaren Erbstück entgegenbringt.
Der Stoff sah alt aus, aber nicht verbraucht. Als hätte er lange geruht und sei dennoch für diesen Abend bereitgehalten worden.
Er legte den Umhang auf die Lehne eines Sessels und blieb vor mir stehen.
Sein Gesicht war ernst, aber nicht streng.
„Dieser Umhang wird nicht jedem gegeben“, sagte er. „Er ist kein Schmuck und keine Erinnerung für eine Reisende. Wer ihn trägt, nimmt auch etwas an.“
Ich fragte, was genau ich annehmen sollte.
„Zugehörigkeit“, antwortete er. „Und die Pflicht, das Empfangene nicht gering zu achten.“
Dann stellte er die Frage, die alles veränderte:
„Bist du bereit?“
Zum ersten Mal sprach er mich nicht förmlich an.
Der Wechsel vom Sie zum Du fühlte sich nicht vertraulich an, sondern feierlich, als hätte unser bisheriges Gespräch nur bis zu dieser Schwelle geführt.
Ich wusste nicht, welche Antwort mein Verstand geben sollte. Als Wissenschaftlerin war ich gewohnt, Begriffe zu klären, Bedingungen zu kennen und Entscheidungen auf überprüfbare Tatsachen zu stützen.
Hier gab es keine Versuchsanordnung, keine Messwerte und keine Erklärung.
Und doch war in mir eine Gewissheit, die stärker war als mein Zweifel.
Ich dachte an seine Fragen über Verantwortung, Treue und Heilung.
Dann sagte ich leise:
„Ja.“
Ohne dass er es verlangte, ging ich vor ihm auf die Knie.
Es geschah nicht aus Unterwerfung. In diesem Augenblick erschien es mir als eine alte Form der Achtung, die keiner Erklärung bedurfte.
Der Alte trat vor mich und legte beide Hände auf meine Schultern.
Dann sprach er leise Worte auf Gälisch.
Ich verstand sie nicht. Dennoch berührten mich die fremden Laute auf eine seltsame Weise. Einige kamen mir beinahe vertraut vor, als hätte ich sie irgendwann schon einmal gehört.
Dann nahm er den Umhang.
Für einen Augenblick hielt er ihn über meinen Schultern.
Der Raum war vollkommen still.
Langsam ließ er den schweren Stoff auf mich herabsinken.
Im ersten Augenblick fühlte er sich kühl an. Doch fast sofort breitete sich eine tiefe Wärme über meinen Rücken und meine Arme aus.
Ich schloss unwillkürlich die Augen.
Für wenige Sekunden erschienen Bilder in mir: eine vom Wind gepeitschte Moorlandschaft, das dunkle Wasser vor einer felsigen Küste, Fackellicht in einer großen Halle und die Silhouette einer Frau, deren Umhang im Sturm flatterte.
Dann waren die Bilder verschwunden.
Als ich die Augen öffnete, stand der Alte noch immer vor mir.
Er ordnete den Umhang sorgfältig, schloss ihn vor meiner Brust und legte noch einmal seine Hände auf meine Schultern.
Dann sah er mich lange an.
„Von diesem Augenblick an“, sagte er ruhig, „stehst du nicht mehr außerhalb unseres Kreises.“
Ich hielt seinem Blick stand.
„Du hast unsere Farben angenommen. Du hast angenommen, was mit ihnen verbunden ist.“
Er machte eine kurze Pause.
Dann sprach er die Worte, auf die offenbar alles hingeführt hatte:
„Willkommen bei uns. Willkommen bei den MacLeods.“
Er reichte mir die Hand und half mir aufzustehen.
Ich stand nun vor ihm, den schweren Umhang des Clans auf meinen Schultern.
In seinem Blick lag keine Prüfung mehr.
Etwas war entschieden.
Ich war als Gast in dieses Haus gekommen.
Jetzt gehörte ich dazu.
Und erst viel später sollte ich begreifen, dass der Umhang weit mehr bedeutete als meine Aufnahme bei den MacLeods.


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