Teil 5 : Der erster Abend als MacLeod

 


  Beitrag 5 – Der erste Abend als MacLeod

Später am Abend veränderte sich die Atmosphäre im Haus.

Die Stille des Salons lag hinter mir. Aus den angrenzenden Räumen drangen Stimmen, Lachen und Musik. Türen standen offen, Menschen gingen ein und aus. Einige trugen traditionelle Kleidung, andere waren festlich gekleidet. Überall begegneten mir die Farben verschiedener Tartans.

Ich trug noch immer den Umhang.

Anfangs hatte ich seine Schwere bei jeder Bewegung gespürt. Jetzt nahm ich sie kaum noch wahr. Der Stoff lag warm auf meinen Schultern, als hätte er dort seinen Platz gefunden.

Nur wenn ich mit der Hand darüberstrich, kehrten die Bilder zurück.

Das Gemälde. Das schattenhafte Zeichen. Das Feuer unter meinen Fingerspitzen.

Und die Stimme der Frau.

„Wenn die Heilerin zurückkehrt, wird sie das Zeichen erkennen.“

Ich hatte niemandem davon erzählt.

Auch dem Alten nicht.

Noch nicht.

Er führte mich in einen größeren Saal. Dort hatten sich inzwischen zahlreiche Gäste versammelt. Die Atmosphäre war lebhaft, beinahe ausgelassen. Von der Schwere unseres Gesprächs war kaum noch etwas zu spüren.

Musik setzte ein.

Die ersten Paare gingen auf die Tanzfläche.

Ich blieb am Rand stehen und beobachtete.

Die Bewegungen wirkten zunächst kompliziert. Schnelle Schritte, Drehungen, Wechsel der Partner. Man fand zusammen, löste sich wieder voneinander und begegnete sich wenige Augenblicke später an einer anderen Stelle erneut.

Es hatte etwas Geordnetes und zugleich vollkommen Lebendiges.

Dann entdeckte ich den jungen Mann wieder, der mir in Edinburgh die Einladung überbracht hatte.

Er kam durch den Saal auf mich zu.

Sein Blick fiel auf den Umhang.

Er blieb stehen.

Nur für einen Moment.

Doch dieser Moment genügte.

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Die Überraschung war deutlich zu erkennen. Er sah zuerst den Umhang an, dann mich und schließlich hinüber zu dem Alten.

Zwischen den beiden Männern wurde kein Wort gewechselt.

Der Alte nickte lediglich.

Der junge Mann verstand.

Dann lächelte er und hielt mir die Hand hin.

„Kommen Sie.“

Ich sah zur Tanzfläche.

„Ich kann diese Tänze nicht.“

„Das lernen Sie.“

„Das sagen Sie so einfach.“

„Weil es einfach ist, wenn man aufhört, darüber nachzudenken.“

Ich musste lachen.

Genau das war für eine Chemikerin vermutlich die schwierigste denkbare Anweisung.

Trotzdem nahm ich seine Hand.

Er führte mich zu den anderen.

Die ersten Schritte waren eine Katastrophe.

Ich setzte den falschen Fuß nach vorn, drehte mich zu spät und wäre beinahe mit einem anderen Paar zusammengestoßen. Eine ältere Frau neben mir lachte herzlich, nahm meine Hand und zeigte mir noch einmal die richtige Schrittfolge.

Ich versuchte es erneut.

Diesmal gelang es etwas besser.

Dann begann die Musik von vorn.

Der junge Mann stand mir gegenüber. Er zeigte mir mit kleinen Bewegungen, wann ich die Richtung wechseln musste.

Nach einigen Minuten hörte ich auf, meine Füße zu beobachten.

Ich begann, den Rhythmus zu spüren.

Plötzlich funktionierte es.

Ich drehte mich, wechselte die Seite, fasste eine fremde Hand, ließ sie wieder los und fand mich Augenblicke später meinem ersten Tanzpartner gegenüber.

Der Umhang bewegte sich mit mir.

Sein schwerer Stoff schwang bei jeder Drehung um meine Beine.

Und irgendwann geschah etwas Merkwürdiges.

Ich vergaß, dass ich eine Fremde war.

Niemand erklärte mir mehr, wo ich stehen sollte. Niemand behandelte mich wie einen Gast, der aus Höflichkeit einbezogen wurde.

Ich gehörte einfach zu diesem Kreis.

Als die Musik endete, war ich außer Atem.

Der junge Mann stand vor mir und grinste.

„Für jemanden, der nicht tanzen kann, war das erstaunlich.“

„Das war eine sehr höfliche Beschreibung.“

Er lachte.

Dann wurde sein Blick ernster.

Wieder sah er auf den Umhang.

„Jetzt sehen Sie nicht mehr aus wie ein Gast.“

Ich antwortete nicht sofort.

Seine Worte berührten etwas in mir, das ich selbst noch nicht benennen konnte.

Ich sah hinüber zu dem Alten.

Er stand etwas abseits mit einem Glas in der Hand und beobachtete uns.

Unsere Blicke begegneten sich.

Langsam hob er sein Glas.

Mehr tat er nicht.

Keine weitere Erklärung. Keine zweite Zeremonie.

Offenbar war sie auch nicht notwendig.

Ich legte meine Hand auf den Umhang.

Am Nachmittag hatte der Stoff noch einem anderen Menschen gehört. Einer Geschichte, die ich nicht kannte.

Jetzt trug ich ihn.

Und die Menschen in diesem Raum wussten offenbar besser als ich, was das bedeutete.

Später tanzte ich noch einmal.

Und noch einmal.

Mit jedem Tanz wurde die anfängliche Unsicherheit kleiner. Ich lernte die Bewegungen, begann die wiederkehrenden Figuren zu erkennen und musste irgendwann nicht mehr überlegen, welcher Schritt als Nächstes kam.

Zwischendurch stand ich am Rand des Saales und beobachtete die Menschen.

Da waren ältere Männer, deren Haltung und Kleidung etwas von einer vergangenen Zeit bewahrt hatten. Jüngere Leute bewegten sich vollkommen selbstverständlich zwischen Tradition und Gegenwart.

Da begriff ich etwas.

Ein Clan war kein Bild aus einem Geschichtsbuch.

Er bestand aus Menschen. Aus Beziehungen und Erinnerungen. Aus dem Wissen darum, woher man kam und was man weitertrug.

Ich dachte an das Gespräch mit dem Alten.

An seine Fragen über Verantwortung.

An seine Worte über Zugehörigkeit.

Und wieder an den Satz, den er ausgesprochen hatte, nachdem er mir den Umhang umgelegt hatte:

„Willkommen bei uns. Willkommen bei den MacLeods.“

Erst jetzt begann ich zu verstehen, dass diese Worte keine höfliche Geste gewesen waren.

Ich war aufgenommen worden.

Was das rechtlich, historisch oder genealogisch bedeutete, wusste ich nicht.

Aber für die Menschen in diesem Haus schien die Sache entschieden zu sein.

Ich gehörte dazu.

Der Abend wurde später.

Die Musik wurde ruhiger. Einige Gäste hatten den Saal bereits verlassen. Gespräche wurden leiser, Gläser standen auf den Tischen, und aus dem Kamin kam nur noch das gelegentliche Knacken eines Holzscheits.

Ich ging zurück in den Salon und trat an das große Fenster.

Draußen lag Loch Dunvegan in der Dunkelheit.

Ich stand mit dem Rücken zum Raum und blickte hinaus. Das Wasser schimmerte im Licht des Mondes. Dahinter zeichneten sich die dunklen Konturen der Landschaft ab.

Für einige Minuten bewegte ich mich nicht.

Der Umhang lag schwer und warm auf meinen Schultern.

Ich dachte an Frankfurt.

An mein Labor.

An Besprechungen, Forschungsberichte und Versuchsreihen.

Noch wenige Tage zuvor hatte diese Welt mein gesamtes Denken bestimmt.

Jetzt stand ich an einem Fenster in den schottischen Highlands, trug die Farben der MacLeods und blickte hinaus auf Loch Dunvegan.

Eigentlich hätte mir die Situation absurd vorkommen müssen.

Das tat sie nicht.

Im Gegenteil.

Sie fühlte sich merkwürdig richtig an.

Dann musste ich wieder an das Gemälde denken.

An meine Hand auf dem Zeichen.

An das Feuer.

Und an jene letzten Worte der unbekannten Frauenstimme:

„Wenn die Heilerin zurückkehrt, wird sie das Zeichen erkennen.“

Ich wandte den Kopf leicht.

Hinter mir hing das Bild.

Für einen Augenblick hatte ich den beinahe unwiderstehlichen Wunsch, zurückzugehen und das Symbol noch einmal zu berühren.

Ich tat es nicht.

Noch nicht.

Schritte näherten sich.

Der junge Mann kam zu mir und blieb neben mir am Fenster stehen.

Eine Weile schwiegen wir und blickten gemeinsam auf das dunkle Wasser.

Dann fragte er:

„Bereuen Sie, dass Sie mitgekommen sind?“

Ich sah hinaus auf Loch Dunvegan.

„Nein.“

Mehr musste ich nicht sagen.

Er nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet.

Wenig später begann im Saal wieder Musik.

Ich wandte mich vom Fenster ab und ging mit ihm zurück zu den anderen.

Noch wenige Stunden zuvor war ich als Chemikerin zu einem wissenschaftlichen Symposium nach Edinburgh gekommen.

Jetzt tanzte ich in den Highlands unter Menschen, die mich als eine der Ihren behandelten.

Ich konnte nicht erklären, warum der Alte mich geprüft hatte.

Ich wusste nicht, warum er mir den Umhang gegeben hatte.

Und ich wusste erst recht nicht, weshalb das Zeichen auf dem Gemälde unter meiner Hand zu brennen begonnen hatte.

Doch zum ersten Mal verspürte ich nicht den Drang, sofort eine Erklärung zu finden.

Für diesen Abend genügte mir eine andere Gewissheit.

Ich war angekommen.

Und irgendwo in diesem alten Haus wartete bereits die nächste Frage auf mich.





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