Teil 9 : Der Brief ohne Absender


 

Ich war zurück. Der Alltag hatte mich wieder. Schon am ersten Morgen warteten Besprechungen, Versuchsergebnisse und Entscheidungen auf mich. In den Laboren liefen die begonnenen Forschungsarbeiten weiter, als wäre ich nur für einen gewöhnlichen Termin verreist gewesen.

Mein Team berichtete von neuen Daten, unerwarteten Reaktionen und einem Wirkstoffkandidaten, dessen Eigenschaften genauer untersucht werden mussten. Ich stellte Fragen, prüfte Analysen und legte die nächsten Arbeitsschritte fest. Nach außen war alles wieder vertraut: die nüchterne Sprache der Forschung, das Summen der Geräte, die konzentrierte Arbeit meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Doch tief in mir war etwas geschehen. Ich konnte es nicht benennen.

Manchmal spürte ich den schweren Umhang auf meinen Schultern, obwohl er zu Hause im Schrank lag. Wenn ich allein in meinem Büro arbeitete, glaubte ich für einen Augenblick, den Geruch von Heidekraut und Holzrauch wahrzunehmen. Dann öffnete ich das Fenster. Draußen lagen nur die vertrauten Straßen der Stadt.

In manchen Nächten träumte ich von einer Frau, die durch ein nebeliges Moor ging. Ihr Gesicht sah ich nie. Ich erkannte nur den dunklen Umhang, die Kräuter in ihrer Hand und ein schwaches Licht, das ihr folgte, ohne eine sichtbare Quelle zu besitzen.

Kurz bevor ich sie erreichte, wachte ich auf.

Es war ein merkwürdiges Gefühl. Nicht bedrohlich. Eher beharrlich, als warte etwas darauf, von mir wiedergefunden zu werden.

Genau zwei Wochen nach meiner Rückkehr lag zwischen Rechnungen, Zeitschriften und gewöhnlicher Geschäftspost ein fremder Umschlag. Er trug keinen Absender und keinen Poststempel, den ich eindeutig zuordnen konnte. Auf der Vorderseite standen nur mein Name und meine Anschrift. Die Buchstaben waren mit dunkler Tinte von Hand geschrieben.

Auf der Rückseite befand sich das Wappen des Clans MacLeod. Es war nicht aufgedruckt. Dunkles Siegelwachs verschloss den Umschlag, und darin zeichneten sich die Linien des Wappens ungewöhnlich scharf ab.

Als ich mit dem Finger darüberstrich, fühlte sich das Wachs wärmer an als das Papier ringsum.

Ich nahm den Brief mit nach Hause und wartete bis zum Abend. Erst als die Räume still geworden waren, legte ich ihn auf meinen Schreibtisch. Neben mir lag der gefaltete Umhang. Für einen Moment schienen seine Farben im Licht der Lampe tiefer und dunkler zu werden.

Das Siegel brach mit einem leisen Knacken.

Im Umschlag lag ein einzelnes Blatt. Am unteren Rand stand der Name eines Mannes, mit dem ich bei den Highland-Tänzen getanzt hatte. Ich erinnerte mich an seine Hand, die mich sicher durch die unbekannten Schritte geführt hatte, und an den ernsten Blick, mit dem er sich später von mir verabschiedet hatte.

Er schrieb nichts über den Abend, den alten MacLeod oder die unerklärliche Fürsorge auf unserer Rückreise. Der Brief enthielt nur eine einzige Zeile.

Darunter war ein kleines Zeichen gezeichnet: eine Flamme.

Ich wusste sofort, was es bedeutete.

Ich las den Hinweis. Dann las ich ihn noch einmal. Beim zweiten Lesen schien die Tinte für einen Augenblick silbern aufzuleuchten. Wahrscheinlich spiegelte sich nur das Licht der Lampe auf dem Papier. Trotzdem hielt ich unwillkürlich den Atem an.

Mehr stand dort nicht. Keine Erklärung, keine Bitte, keine Möglichkeit für eine Rückfrage.

Der wissenschaftliche Teil meines Verstandes verlangte nach Zusammenhängen, Quellen und Belegen. Doch ein anderer Teil von mir erkannte den Namen, obwohl ich sicher war, ihn noch nie zuvor gelesen zu haben.

Ich gehorchte der Anweisung.

Nachdem ich mir jedes Wort eingeprägt hatte, legte ich den Brief in eine feuerfeste Schale und entzündete eine Ecke. Die Flamme wanderte langsam über das Papier. Als sie das Siegel erreichte, färbte sie sich für wenige Sekunden tiefblau.

Ein Duft nach feuchter Erde, Wacholder und Heide erfüllte den Raum.

Die Schrift verschwand Zeile für Zeile. Nur der Name Aileas nam Mòinteach blieb noch einen Herzschlag lang lesbar, obwohl das Papier ringsum bereits schwarz geworden war.

Dann zerfiel auch er zu Asche.

Über der Schale stieg eine dünne Rauchsäule auf. Sie zog nicht zur Decke, sondern schwebte zum Fenster. Im Glas sammelte sich von außen Nebel. Für einen kurzen Moment glaubte ich darin die Silhouette einer Frau zu erkennen, den Umhang vom Wind erfasst.

Als ich aufstand und näher trat, sah ich nur noch mein eigenes Spiegelbild.

Der Brief war vernichtet. Der Hinweis jedoch hatte sich unauslöschlich in mein Gedächtnis geschrieben.

Ich öffnete meinen Computer, legte das alte Notizbuch aus Edinburgh neben mich und begann noch in derselben Nacht zu suchen.

„Informiere dich über Aileas nam Mòinteach – jene, die aus dem Nebel zurückkehrt.“




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